1800 - 1918

Rechtliche Gleichstellung und akademische Integration im Kaiserreich

Im Großherzogtum Baden wurde über ein halbes Jahrhundert nach den ersten Gesetzen die rechtliche Gleichstellung der Juden 1862 abgeschlossen. Mit dem am 15. Oktober erlassenen "Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten" erhielten die jüdischen Staatsbürger auch die ihnen bis dahin vorenthaltenen Gemeindebürgerrechte. Somit war - auf dem Gebiet der Gesetzgebung - die Emanzipation in Baden vollendet; die Rechtsgleichheit auf Reichsebene wurde neun Jahre später durch die Ausdehnung des Emanzipationsgesetzes des Norddeutschen Bundes (1869) auf das ganze Reich 1871 hergestellt.

Der akademische Antisemitismus, der sich seit Ende der 70er Jahre an vielen deutschen Hochschulen unter den Professoren ausbreitete, betraf die Universität Heidelberg nicht. Ihre Anziehungskraft für jüdische Studenten und Gelehrte nahm seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ständig zu. Der Anteil der jüdischen Studierenden stieg bis auf 11% im Jahr 1910 und lag damit mehr als viermal so hoch wie vor 1870. Die jüdischen Hochschullehrer waren mit 8% bis 10% im Lehrkörper vertreten, womit die Universität Heidelberg eine liberale Berufungspraxis zeigte. Die Chancen der jüdischen Habilitierten, ein Ordinariat zu erreichen, stiegen auf etwa 50%, was eine Annäherung an die Quoten von nichtjüdischen Wissenschaftlern (ca. 65%) bedeutete.

An der Universität Heidelberg herrschten im Kaiserreich gute Bedingungen für den Zugang und das Wirken jüdischer Hochschullehrer. In der Zeit von 1862 bis 1918 lehrten insgesamt 61 jüdische Professoren, die die ganze Fächerbreite vertraten. Vor allem die Fächer Mathematik, Chemie, die Sprach- und Literaturwissenschaften sowie die Nationalökonomie fanden - neben den traditionellen Studien- und Lehrfächern Medizin und Jurisprudenz - das besondere Interesse der jüdischen Wissenschaftler. Jeweils 18 Professoren gehörten in diesem Zeitraum zur Philosophischen und Medizinischen Fakultät, 16 zur Naturwissenschaftlich-Mathematischensowie 9 zur Juristischen Fakultät.

Seit 1890 erlebte die Universität Heidelberg eine Zeit der wissenschaftlichen Blüte. In allen Fakultäten lehrten berühmte Wissenschaftler, die die Anziehungskraftder Universität steigerten. Der "Heidelberger Geist", vertreten durch Gelehrte wie Max Weber und Friedrich Gundolf, den Schüler Stefan Georges, kennzeichnete die Hochschule, die als "liberale Musteruniversität" einen überregionalen Ruf genoss. Auch in der Weimarer Republik setzte Heidelberg seine liberale Tradition fort und erhielt seine Anziehungskraft für jüdische Studenten und Wissenschaftler.