1800 - 1918

Jüdische Studentenverbindungen im Kaiserreich

Die aus den früheren Landsmannschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandenen Burschenschaften bildeten nach 1871 einen einheitlichen Typus aus: die farbentragende Verbindung mit dem Prinzip der Satisfaktion und der Mensur. Im Kaiserreich wurde das progressive und liberale Erbe der Burschenschaften zu einer konservativen und exklusiven Grundüberzeugung mit völkisch-nationalistischen, antisemitischen und hierarchisch-autoritären Elementen. Der soziale Wert der Verbindungsmitgliedschaft war so hoch, dass um die Jahrhundertwende fast die Hälfte aller Studenten korporiert war.

Als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus der studentischen Verbindungen und die Gründung des antisemitischen Vereins Deutscher Studenten (1881) sowie die Verweigerung der Satisfaktionsfähigkeit begannen die jüdischen Studenten mit der Bildung eigener Verbindungen. Da auch die konfessionsgebundenen Verbindungen keine jüdischen Kommilitonen aufnahmen, gründeten diese seit 1886 "jüdisch-deutsche" oder zionistisch ausgerichtete Vereinigungen, die je nach Zielsetzung den Kampf gegen den Antisemitismus in Deutschland oder die Beförderung der nationaljüdischen Idee beabsichtigten. Bis 1896 wurden in fünf Universitätsstädten, darunter Heidelberg, exklusiv-jüdische Verbindungen gegründet, die sich zum Kartell-Convent deutscher Studenten jüdischen Glaubens zusammenschlossen. Zionistisch orientierte Vereine und Korporationen entstanden seit 1895 an den deutschen Universitäten. Auch sie bildeten 1914 einen Dachverband, das Kartell Jüdischer Verbindungen.

Das selbstbewusste Eigenleben der jüdischen Studentenverbindungen beinhaltete jedoch nicht die Abgrenzung von den Gebräuchen der nichtjüdischen Kommilitonen. Die integralen Bestandteile des Verbindungslebens wie das Tragen von Couleur, die rituelle Geselligkeit und demonstrative Wehrhaftigkeit wurden übernommen und gepflegt.

In Heidelberg gab es ein vielfältiges organisiertes jüdisches Studentenleben. Neben den drei großen Verbindungen Badenia (bis 1902), Bavaria (1902-1933) und Ivria (1911-1933) bestanden zahlreiche kleinere und kürzer existierende Zusammenschlüsse. Im Sommersemester 1913 stellten die drei jüdischen Verbindungen Bavaria, Ivria und Nicaria (1902-1933) 9,5% aller Inkorporierten.

Eine sogenannte paritätische Verbindung, die Studenten aller Konfessionen aufnahm, war die 1892 gegründete Freie Wissenschaftliche Vereinigung. Ihre moderne Organisation und Offenheit bot eine Alternative zu den exklusiv-jüdischen Verbindungen und zog eine größere Zahl von Studierenden an. Da die Aktivitas in der Mehrzahl aus jüdischen Studenten bestand, wurde die Freie Wissenschaftliche Vereinigung 1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst.